Der Kampf um die digitalen Talente ist im vollen Gange

Digitalisierung ist längst nicht mehr nur ein Thema für IT-Abteilungen. In allen Bereichen zukunftsfähiger Unternehmen sind heute Talente gefragt, für die der Umgang mit digitalen Technologien selbstverständlich ist. Kaum ein Mitarbeiter bleibt davon unberührt.

Wie wird der Arbeitsmarkt der digitalen Wirtschaft von morgen aussehen? Wird menschliche Arbeit verdrängt und von immer leistungsfähigeren Robotern übernommen? Oder ermöglicht das effiziente Zusammenspiel von Mensch und Maschine ein erfülltes Arbeitsleben und ungeahnten Wohlstand? Die Digitalisierung wirft auf keinem Gebiet so viele Fragen auf wie auf dem Arbeitsmarkt.

Viele Ökonomen und Sozialforscher prognostizieren angesichts der bisherigen Erfahrungen eine Polarisierung des Arbeitsmarktes. Sie sagen voraus, dass kreative, hoch qualifizierte Arbeitskräfte gefragter denn je sein werden, dass Erbringer persönlicher Dienstleistungen ihre Position behaupten, aber Beschäftigte mit mittlerer Qualifikation, die zu großen Teilen Routinetätigkeiten ausführen, nach und nach von leistungsfähigen Computern und Robotern ersetzt werden. Für viel Aufsehen sorgte die im Jahr 2013 veröffentlichte Studie der Ökonomen Carl Benedikt Frey und Michael Osborne. Sie analysierten darin für 702 Berufe in den USA die Wahrscheinlichkeit, dass sie in naher Zukunft automatisiert werden und kamen zu dem Schluss, dass knapp die Hälfte der Beschäftigten in den USA in den nächsten 20 Jahren den Verlust ihres Arbeitsplatzes zu befürchten hätten. Vergleichbare Studien kamen für Europa und für Deutschland zu ähnlichen Ergebnissen.

Damit wiederholen sich Diskussionen, die schon frühere industrielle Revolutionen begleitet haben, zuletzt die Computerisierung und erste Welle der Automatisierung in den 1970er Jahren. Ebenso wird sich aber auch die Erfahrung wiederholen, dass der technische Fortschritt nicht nur manche Arbeitsplätze und Berufsbilder ersetzt, sondern auch neue schafft. Schon jetzt zeigt sich, dass auch die Digitalisierung ganz neue Berufe und eine steigende Nachfrage nach digitalen Talenten hervorbringt. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) geht davon aus, dass die Auswirkungen von Industrie 4.0 auf das Beschäftigungsniveau in Deutschland insgesamt neutral sein werden. Die IAB-Projektion zeigt, dass bis zum Jahr 2025 knapp eine halbe Million Stellen wegfallen werden, die keinen Berufsabschluss oder  nur eine Berufsausbildung erfordern, während fast genau so viele Stellen neu geschaffen werden, vor allem Stellen, die eine höhere Qualifikation voraussetzen.  Das heißt: Der absehbare Fachkräftemangel wird gemildert, gleichzeitig entsteht aber zusätzliche Nachfrage nach Akademikern.

Ein differenzierteres Bild ergibt sich, wenn man nicht auf ganze Berufe, sondern auf die einzelnen von Arbeitnehmern ausgeübten Tätigkeiten eingeht. Dazu gibt es eine Studie des McKinsey Global Institute. Sie zeigt, dass mit gegenwärtig absehbarer Technik nur weniger als fünf Prozent der Berufe voll und ganz automatisierbar sind. Sie zeigt aber auch, dass insgesamt 45 Prozent der von Arbeitnehmern ausgeübten Einzeltätigkeiten innerhalb der verschiedenen Berufe automatisiert werden können. Dieser Anteil werde auf 58 Prozent steigen, wenn die Verarbeitung und Analyse natürlicher Sprache ein mittleres menschliches Niveau erreiche. Speziell für Akademiker schätzt das Forschungsinstitut ZEW, dass 20 bis 30 Prozent aller Tätigkeiten automatisierbar sind.

Im Endeffekt ist damit ein ähnliches Arbeitsvolumen wie in der Studie von Frey und Osborne von Digitalisierung und Automatisierung betroffen, aber die Perspektive ist eine andere: Es werden nicht Maschinen die Hälfte der gegenwärtigen Arbeitsplätze überflüssig machen, sondern sie werden den Menschen idealerweise Routine-Tätigkeiten  abnehmen und ihnen Freiraum für mehr kreative und selbstbestimmte Arbeit verschaffen. So kann zum Beispiel ein Anwalt die Suche nach Präzedenzfällen dem Computer überlassen und mehr Zeit darauf verwenden, eine gute Lösung für seinen Mandanten zu finden. Oder ein Sportjournalist lässt den Spielbericht für die Online-Seite vom Roboter schreiben und recherchiert in der gesparten Zeit ein Profil des neuen Stürmers. Gemeinsam können Fachkräfte und Maschinen weit mehr leisten als einzeln, etwa wenn der Computer für den Arzt MRT-Aufnahmen mit Millionen Datensätzen aus aller Welt vergleicht und so die Grundlage für eine viel bessere und schnellere Diagnose schafft. Eins ist klar: Die Anforderungen an die Qualifikation der Arbeitnehmer werden damit insgesamt steigen – und damit der Wettbewerb der Unternehmen um die Arbeitskräfte, die diese spezifischen Anforderungen erfüllen.

Doch nicht nur der Inhalt der Arbeit, auch ihre Form verändert sich. Arbeitsmarktforscher erwarten eine Abnahme fester Arbeitsverhältnisse und eine steigende Zahl selbstständiger „Clickworker“, die Projektarbeit übernehmen, die auf Plattformen ausgeschrieben wird. Das gilt schon heute für Programmierer oder Übersetzer. Der US-amerikanische Philosoph und Informatiker Jaron Lanier warnt, dass damit die Arbeit der kreativen Mittelklasse wie Musiker, Fotografen und Journalisten „napsterisiert“ werde. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis andere, hoch qualifizierte Berufsgruppen das gleiche erleben würden. Noch allerdings ist davon in den deutschen Arbeitsmarkt-Statistiken nichts zu sehen: die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Menschen steigt seit Jahren und die der Solo-Selbstständigen sank zuletzt.

„Das wiederholt prognostizierte Ende der Arbeit wird aller Voraussicht nach auch dieses Mal nicht stattfinden“, konstatiert daher das Bundesministerium für Arbeit und Soziales in seinem Grünbuch „Arbeiten 4.0“. Es spricht sich darin dafür aus, die neue Flexibilität in der digitalen Arbeitswelt im Sinne der Arbeitnehmer zu nutzen und einer einseitigen Verdichtung der Arbeitsbelastung entgegenzuwirken. Auch die Gewerkschaften wirken darauf hin: „Unser Ziel ist, die Potenziale der Digitalisierung zu nutzen, um den Mensch in den Mittelpunkt zu stellen“, sagt Jörg Hofmann, Erster Vorsitzender der IG Metall.

Das werden die Arbeitgeber schon deshalb tun müssen, weil zunächst einiges an digitalen Fähigkeiten und Kompetenzen aufzubauen ist und die dafür begehrten digitalen Talente hohe Ansprüche an flexibles und eigenverantwortliches Arbeiten stellen, wie die Experten-Interviews in dieser Publikation zeigen. Die Experten aus Unternehmen und Wissenschaft weisen darauf hin, dass ein tief greifender kultureller Wandel in der Arbeitswelt nicht nur als Reaktion auf digitale Technologien sondern auch auf die Ansprüche digitaler Talente notwendig sein wird. Die Unternehmen verbinden denn auch mit der Digitalisierung des Arbeitsmarktes ganz andere Erwartungen und Befürchtungen als Sozialforscher. Ihre größte Sorge ist, dass ihnen nicht genügend qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stehen werden, um den digitalen Wandel zu meistern.

Im McKinsey Global Survey, einer weltweiten Umfrage unter fast 1000 Top-Managern, schätzten diese einen Mangel an geeigneten Führungs- und Fachkräften als größte Hürde für die Digitalisierung ihrer Unternehmen ein. 31 Prozent der Vorstände sprachen diese Sorge an. Auch in einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) unter Führungskräften deutscher Unternehmen kam der Mangel an Fachkräften auf Platz drei unter den Digitalisierungshürden – er wurde hier sogar von 53 Prozent genannt.

Unternehmen erhoffen sich vor allem neue Marktchancen und mehr Wachstum und Gewinn von der Digitalisierung und sehen sie nicht in erster Linie als Sparprogramm – auch das zeigt der McKinsey Global Survey. 71 Prozent versprechen sich höhere Umsätze, 64 Prozent höhere Gewinne und nur 49 Prozent Kostensenkungen. Digitalisierung ist für die Unternehmen also primär ein Wachstumstreiber.

Dennoch steht den Belegschaften deutscher Unternehmen ein tiefgreifender Wandel bevor.  Der Einsatz digitaler Technologien ermöglicht nicht nur neue Produkte und Dienstleistungen sowie Effizienzgewinne in der Produktion, sondern verändert auch die Geschäftsmodelle der Unternehmen. Mit einer bis dato nicht gekannten Geschwindigkeit tauchen neue Herausforderer auf, als Start-up-Firmen oder als Quereinsteiger aus anderen Branchen. Der digitale Wandel betrifft Unternehmen aller Branchen und Größenordnungen und stellt die Belegschaften ebenso wie die Führungskräfte vor große Herausforderungen.

Die Rekrutierung und Weiterentwicklung digitaler Talente steht daher in vielen Unternehmen ganz oben auf der Agenda. Dabei geht es nicht nur um Informatiker – denn Digitalisierung ist längst nicht nur ein Thema für die IT-Abteilungen. Es geht auch nicht nur um Experten für Entwicklung und Vermarktung digitaler Produkte und Dienstleistungen, um Data Scientists oder Social-Media-Kenner. Es geht um eine Generation neuer Mitarbeiter, die mit digitalen Technologien souverän umgehen, unternehmerisch denken und schnell und flexibel agieren. Und es geht auch nicht nur um Rekrutierung, sondern es geht auch darum, die digitalen Talente in Teams mit erfahrenen Mitarbeitern zu integrieren, also die traditionellen Unternehmensteile mitzunehmen und zu entwickeln, und die erfahrenen Mitarbeiter dann für die Anforderungen der digitalen Wirtschaft fortzubilden.

Die Unternehmen, die in der Digitalisierung am meisten fortgeschritten sind, haben dabei in mehreren kritischen Punkten einen großen Vorsprung gegenüber der Masse der Unternehmen, wie die McKinsey Global Survey zeigt. Digitale Vorreiter legen besonderen Wert darauf, spannende Aufgaben im Digitalgeschäft für Talente zu bieten und eine offene, motivierende Unternehmenskultur zu leben. Wie wichtig das ist, bestätigen in den Expertengesprächen dieser Studie Chefs so unterschiedlicher Unternehmen wie Thomas Vollmöller von der Internetplattform Xing und Joachim Janssen vom Heizsystemanbieter Viessmann. Es sind die digitale Technologie und die Wertvorstellungen digitaler Talente gleichermaßen, die die Arbeitswelt in den nächsten Jahren stark verändern werden.

Die Wissensgesellschaft erreicht die nächste Stufe: Die Sphären von Wissenschaft und beruflicher Praxis verschmelzen. Wissenschaftliches Arbeiten zieht in den Unternehmensalltag ein, zum Beispiel indem Datenanalyse im weit größeren Maße als bisher betriebswirtschaftlichen Entscheidungen vorausgeht. Der Austausch zwischen der akademischen und betrieblichen Welt nimmt zu, was zu Karrieren führt, in denen sich Tätigkeiten an Hochschulen und in Unternehmen abwechseln. Das zeigt der Hochschulbildungsreport 2020, den der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft zusammen mit McKinsey veröffentlicht hat. 64 Prozent der dafür befragten deutschen Unternehmen gehen davon aus, dass Forschung in den nächsten zehn Jahren im Unternehmen an Bedeutung gewinnen wird. 71 Prozent sehen eine wachsende Bedeutung fachübergreifender Kompetenzen. Von Bewerbern erwarten die Unternehmen heute den sicheren Umgang mit digitaler Technik mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie Fremdsprachenkenntnisse.

Doch ist das deutsche Bildungssystem dafür schon gut genug gerüstet? Daran haben die Experten, die in dieser Publikation zu Wort kommen, ihre Zweifel. Sowohl der Einsatz digitaler Technologie an Schulen, Hochschulen und in der dualen Ausbildung als auch die Vorbereitung auf moderne Lern- und Arbeitsformen lässt aus Sicht sowohl der Unternehmenslenker als auch der Wissenschaftler zu wünschen übrig. Auch der Hochschulbildungsreport 2020 sieht hier Nachholbedarf: Die Studienprogramme müssten individueller werden, aktives forschendes Lernen und das Erlernen von Kompetenzen herkömmliche Vermittlungsformen ersetzen und außerdem müssten Theorie und Praxis im Sinne eines lebenslangen Lernens besser verknüpft werden, fordern die Autoren. Auch muss das digitale Denken in der dualen Ausbildung Einzug halten und auch im Handwerk seinen Platz finden.

In der Digitalen Agenda der Bundesregierung ist das Thema Bildung, Forschung und Wissenschaft eines von sieben Handlungsfeldern. Doch von der angekündigten „Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft“ ist noch nicht genug zu sehen. Die für diese Publikation befragten Praktiker fordern mehr interdisziplinäres Lernen, den Einsatz digitaler Technologien in allen Bildungsbereichen, einen neuen Lehrstil, eine engere Zusammenarbeit von Bildungsstätten und Unternehmen sowie ganz praktische Schritte wie die Einführung eines Schulfachs Programmieren. Doch wie immer wenn es um Reformen des Bildungssystems geht, ist der Föderalismus in Deutschland ein Hindernis. Die nötige Digitalisierung des Bildungswesens muss in 16 Bundesländern einzeln angegangen werden, die nicht alle ausreichende finanzielle Spielräume dafür haben. Der Bund kann hier nur unterstützen, zum Beispiel mit dem jüngst vorgeschlagenen Digitalpakt, in dessen Rahmen das Bildungsministerium fünf Milliarden Euro für die Ausstattung von Schulen mit digitaler Technik bereitstellen will.

Beruhigend ist, dass das deutsche Bildungssystem im internationalen Vergleich recht gut abschneidet. Im aktuellen „Networked Readiness Index“ des Weltwirtschaftsforums liegt Deutschland zwar insgesamt nur auf dem 16. Rang, belegt aber im Bereich „Skills“, also bei den Fähigkeiten der Arbeitskräfte, den achten Platz und liegt damit besser als alle anderen großen Industriestaaten. Auch in einem internationalen Vergleich der Voraussetzungen für das Industrie-4.0-Zeitalter, den das Handelsblatt Research Institute vorgenommen hat, schneidet das deutsche Bildungssystem im Vergleich zu China, Japan und den USA stark ab. Im Wettbewerb um eine Führungsposition in der digitalen Wirtschaft von morgen haben deutsche Unternehmen also gute Karten – ob sie am Ende Erfolg haben, wird aber mehr denn je davon abhängen, ob sie die richtigen klugen Köpfe finden und an sich binden. Der Kampf um die digitalen Talente ist in vollem Gange.

Autor: Dirk Heilmann, Handelsblatt Research Institute

Dirk Heilmann

Der Diplom-Volkswirt schreibt seit 17 Jahren für das Handelsblatt. Bevor er 2009 Chefökonom wurde, leitete er das Ressort Unternehmen und Märkte und das Londoner Büro der Zeitung. Von 1993 bis 1997 war er Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn. Dirk Heilmann hat zusammen mit Bert Rürup 2012 den Bestseller „Fette Jahre. Warum Deutschland eine glänzende Zukunft hat“ veröffentlicht.