Nicht nur Unternehmen, auch Kommunen müssen sich um digitale Talente bemühen. Digitalisierungsexpertin Valentina Kerst beschreibt, wo es in der Politik hapert und wie Städte innovative Firmen und Arbeitskräfte anlocken und binden können.

Frau Kerst, Sie haben in Rheinland-Pfalz den Landesrat für Digitale Entwicklung und Kultur aufgebaut. Gleichzeitig sind sie selbstständige Digitalberaterin. Wo kann Ihrer Erfahrung nach die Politik Unternehmen dabei unterstützen, digitale Talente zu finden?

Die Digitalisierung ist nicht nur für Startups und die Industrie 4.0 relevant. Es geht um viel mehr: um Bildungs-, Außen-, Arbeits-, Innen-, Justiz-, Entwicklungs-, Familien- und gar um Umweltpolitik. Demnach sollte die Politik sich darum bemühen, digitale Talente in all diesen Bereichen zu finden und zu unterstützen. Spannend fände ich zum Beispiel, den Bildungsurlaub in Deutschland nicht nur für berufliche und politische Weiterbildung zu ermöglichen, sondern auch ganz explizit auf die digitale Weiterbildung zu erweitern.

Welche Rolle spielen Infrastrukturthemen wie Störerhaftung oder Breitbandausbau im Wettbewerb um neue Talente des digitalen Arbeitsmarkts?

Eine extrem wichtige Rolle. In beiden Punkten hat Deutschland vieles verschlafen. Jede neue Studie zeigt, dass Deutschland bei der Digitalisierung nur im unteren Mittelfeld mitspielt. Für eine Industrienation ist das ein unglaublicher Wettbewerbsnachteil. Im Umkehrschluss bedeutet das auch, dass Talente, die digital arbeiten wollen, sich für Länder mit entsprechend besserer Infrastruktur entscheiden. Denn bessere Infrastruktur bedeutet bessere Chancen in der beruflichen Entwicklung. Und das ist sehr attraktiv.

Was für Herausforderungen und Chancen gibt es Ihrer Meinung nach für Arbeitgeber und Arbeitnehmer durch den digitalen Wandel auf lokaler / kommunaler Ebene?

Besonders kleine Unternehmen wurden mit der Digitalisierung in der Vergangenheit alleine gelassen. Nun will jeder, dass sich kleine Unternehmen der Digitalisierung stellen. Dabei geht es nicht nur um neue Soft- oder Hardware. Vielmehr geht es um einen kulturellen Wandel und darum, neue Geschäftsmodelle zu erkennen. Das erfordert natürlich auch eine neue Zusammenarbeit im Unternehmen.

Für Arbeitnehmer besteht sicherlich der größte Wandel in der Entgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit. Unternehmen sollten mit ihren Mitarbeiter klären, welche Erwartungshaltung in Bezug auf die Arbeitszeiten bestehen. Wenn heute eine Krankenschwester bereits per privater WhatsApp-Nachricht zum Dienst gerufen wird, dann läuft da einiges nicht in die richtige Richtung.

Wie gehen gerade kleinere Unternehmen mit den sich ständig ändernden Rahmenbedingungen um – und wie sollten sie es im Idealfall tun?

Die schnellen Entwicklungen im Markt sind für kleine Unternehmen besonders herausfordernd. Lange Entscheidungsprozesse sind nicht möglich. Daher empfehle ich jedem Unternehmen, in kleinen Schritten zu agieren. Die Digitalisierung ist keine einmalige Aktion, vielmehr ein andauernder Prozess. Wer diese Kultur verinnerlicht, dem werden auch die permanenten Veränderungen keine Sorgen bereiten.

Wie können Unternehmen Talente binden und attraktive Arbeitgeber bleiben?

Dass Unternehmen mehr als nur einen Arbeitsplatz anbieten und ein gutes Gehalt zahlen müssen, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Ob man es nun Employer Branding oder Mitarbeiterbindung nennt; Arbeitgeber müssen weiche Faktoren wie Arbeitszeit, Flexibilität und Entwicklungsmöglichkeiten stärker ausnutzen.

Oft habe ich aber auch erlebt, dass viele Menschen mit der Arbeitsumgebung wie zum Beispiel den Kollegen sehr zufrieden sind und damit nicht der Wunsch besteht, das Unternehmen zu wechseln.

Und was können Kommunen lokal tun, um modern aufgestellte, digitale Unternehmen anzulocken – und zu halten?

Vier Punkte sind meines Erachtens besonders wichtig: Es muss digitale Vorbilder in den Stadtverwaltungen geben, Stakeholdern müssen sich beteiligen, die Digitalisierung muss auf breiter Ebene sichtbar sein, und Nachhaltigkeit muss großgeschrieben werden. Dramatisch ausgedrückt: Jeder Tag, an dem man sich als Kommune nicht mit der Digitalisierung beschäftigt, ist ein verlorener Tag. Und erfolgreich sein kann nur die Kommune, die das Thema langfristig betrachtet.

Doch auch der breite Blick auf das Thema ist relevant. Digitalisierung ist nicht nur ein Wirtschaftsaspekt. Es geht auch um die Frage, wie wir in einer Kommune zukünftig zusammenleben wollen. Hier kommen viele neue Aspekte ins Spiel: Big Data, Transparenz und natürlich die Kommunikation über die Sozialen Medien. Diese Punkte verändern eine Kommune. Daher sollten sich Oberbürgermeister und Stadträte unbedingt auch mit diesen Themen beschäftigen und sie anschließend umsetzen. Denn das Ziel einer jeden Kommune sollte es sein, eine intelligente Stadt zu werden.

Das Interview führte Yasmina Banaszczuk.
Valentina Kerst

Valentina Kerst

Digitalberaterin
Valentina Kerst (geboren 1979 in Köln) ist Co-Gründerin der Initiative Internetstadt Köln, Co-Vorsitzende des Vereins D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt sowie Geschäftsführerin der Strategischen Internetberatung topiclodge. Sie war Mitglied des Expertenbeirates der Friedrich-Ebert-Stiftung zur Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zu „Internet und digitale Gesellschaft“.

Seit September 2013 ist sie Leiterin des Landesrates für digitale Entwicklung und Kultur in Rheinland Pfalz, seit Mai 2015 gehört sie der Kommission „Arbeit der Zukunft“ der Hans-Böckler-Stiftung an. Seit Juni 2016 ist sie Mitglied des Beirates „Junge digitale Wirtschaft“ beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.