Lernen ohne Grenzen

Die alte Maxime vom lebenslangen Lernen gewinnt in der dynamischen Arbeitswelt 4.0 eine ganz neue Bedeutung. An Universitäten erlangen Studierende zwar analytische Fähigkeiten, es herrscht jedoch ein chronischer Mangel an Praxisbezug, und wer sich in den nächsten Jahrzehnten nicht auch nach dem Abschluss weiterbildet, verliert den Anschluss. Volker Meyer-Guckel und Mathias Winde vom Stifterverband beschreiben, wie Deutschland digitale Talente für morgen schmieden kann.

Direkt auf einen Beruf zugeschnittene Qualifikationen zu vermitteln, das ist nicht die Aufgabe von Universitäten in Deutschland. Ihre Stärke liegt traditionell darin, wissenschaftliches Denken und Arbeiten zu schulen, grundlegendes und spezialisiertes Fachwissen zu vermitteln und dabei die Studierenden zu konstruktiv-kritischen, gesellschaftlich engagierten Persönlichkeiten zu entwickeln.

Diese traditionelle Distanz des Studiums zu den Anforderungen des Arbeitsmarktes wird vor allem durch zwei Entwicklungen zunehmend in Frage gestellt. Das Studium an einer Hochschule hat sich erstens zur wichtigsten Qualifikationsform für den Arbeitsmarkt entwickelt. Mehr als die Hälfte eines Schuljahrgangs zieht es an die Hochschulen: Rund 500.000 junge Menschen werden sich 2016 an deutschen Unis einschreiben, um sich mit einem Studium auf ihre Berufstätigkeit vorzubereiten. Diese Erwartung der Studenten wird jedoch häufig enttäuscht: Der Praxisbezug des Studiums wird von vielen Studierenden durch alle Fächer hindurch als ungenügend bewertet. Arbeitgeber beklagen, dass das deutsche Bildungssystem zu viel theoretisches und zu wenig berufspraktisches Wissen vermittelt.

Zweitens ist unklar, inwieweit das bisherige Bildungskonzept der Hochschulen junge Menschen auf die neue digitalisierte Arbeitswelt vorbereitet. Die Studienanfänger des Jahres 2016 werden zwischen 2020 und 2025 ihre erste Stelle antreten und bis etwa 2060 im Arbeitsmarkt verbleiben. Durch künstliche Intelligenz, Automatisierung und Digitalisierung werden sich alle Berufsfelder und alle Tätigkeitsstufen in diesem Zeitraum rasant verändern.

"Digitale Kompetenzen sind Querschnittskompetenzen: Auch Geisteswissenschaftlern sollte es ermöglicht werden, in ihrem Studium Statistikkenntnisse zu erwerben."

Ein starkes Plädoyer dafür, dass Hochschulbildung neu interpretiert werden sollte, kommt von den Unternehmen. Sie gehen davon aus, dass die Arbeitswelt der Zukunft stark von neuen Produkten und Dienstleistungen getrieben wird. Dafür benötigen die Unternehmen das entsprechende Wissen: 84 Prozent der Firmen geben an, dass Forschung in ihrem Unternehmen wichtiger werden wird. 58 Prozent stimmen voll oder eher zu, dass sie intensiver mit Hochschulen zusammenarbeiten werden. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung von mehr als 300 deutschen Firmen für den Hochschul-Bildungs-Report 2020, den Stifterverband und McKinsey im Juni 2016 vorgestellt haben. Studierende müssen sich nach dieser Befragung darauf einstellen, dass Unternehmen in Zukunft einen größeren Wert auf überfachliche Kompetenzen und einen geringeren Wert auf fachliches Grundlagenwissen legen werden. Praxiswissen, Fremdsprachen- und Digitalkenntnisse werden deutlich wichtiger.

Die Technisierung der Arbeitswelt ist kein neues Phänomen. Neu ist aber, dass sie sich nicht mehr überwiegend auf manuelle Tätigkeiten auswirkt, sondern dass sie sich auf den gesamten Bereich der analytisch-intellektuellen Arbeit erstreckt. Die Mensch-Maschine-Interaktion nimmt zu. Dies gilt nicht nur für industrienahe Berufe wie Ingenieure oder Naturwissenschaftler, sondern auch für Berufe wie Richter, Journalist, Lehrer oder Personaler.

Die Arbeitswelt der Zukunft wird in nahezu allen Berufsfeldern durch die digitale Sammlung, Analyse, Aufbereitung, automatische Verknüpfung und Bereitstellung von Daten unterstützt werden. Akademische Tätigkeiten werden sich hin zu Konzeption, Kontrolle und Bewertung von automatisierten Analysen verlagern. Für den Arbeitnehmer werden Fähigkeiten wie Selbstorganisation, kreatives Nachdenken und Arbeiten, die Lösung komplexer Probleme und das kritische Hinterfragen und Bewerten von Informationen wichtiger. Digitale Fähigkeiten, statistische Kompetenzen und der Umgang mit der digitalen Analyse großer Datenmengen sowie die kritische Beurteilung der Ergebnisse werden über alle Berufsgruppen hinweg neue Querschnittskompetenzen in der Arbeitswelt 4.0.

Durch die Automatisierung von Routinetätigkeiten und die zunehmende Digitalisierung werden die Tätigkeiten komplexer und das Niveau steigt: Forschungsbasierte Tätigkeiten durchdringen die Arbeitswelt und akademische Qualifikationen werden immer häufiger benötigt; neue, digitalisierte Berufsbilder entstehen.

Big Data bietet großes Potenzial für Forschung und Erkenntnisprozesse: Theorien lassen sich schneller datengestützt überprüfen; große Datenmengen ermöglichen durch neuartige Verknüpfungen neue Hypothesen und Denkmodelle. Durch die Digitalisierung hat die Erhebung und Analyse von Daten im privatwirtschaftlichen Bereich einen enormen Zuwachs erfahren. Akademiker außerhalb von Wissenschaftseinrichtungen werden zunehmend forschungs- und datenbasiert arbeiten. Für Hochschulen und Forschungseinrichtungen werden diese privaten Partner immer wichtiger: Schon heute gewinnen Kooperationen an Bedeutung, bei denen Unternehmen Wissenschaftseinrichtungen den Zugang zu forschungsrelevanten Datensätzen zur Verfügung stellen. Das Aufweichen institutioneller Grenzen in Forschung und Entwicklung bietet große Chancen für die Wissensgenerierung.

Für die Ausbildung bedeuten diese Entwicklungen, dass beruflich Qualifizierte mehr akademische Qualifikationen und Akademiker mehr anwendungsorientiertes Wissen benötigen.

"Um Studium und Arbeitswelt besser zu verknüpfen, sehen sich Unternehmen zunehmend als Teil der akademischen Bildung: Die Hälfte der Unternehmen sagt, dass die Bedeutung des eigenen Unternehmens als Lernort in der Arbeitswelt 4.0 deutlich zunehmen wird."

Die Arbeitswelt 4.0 verlangt keine radikale Abkehr von den bisherigen Bildungszielen, sondern eher eine Ergänzung und Weiterentwicklung. Die Fachkompetenzen bilden den Ausgangspunkt für ein umfassendes, berufsorientiertes und persönlichkeitsbildendes Studium. Für die Arbeitswelt 4.0 werden der Anwendungsbezug (aufgrund der zunehmenden Verzahnung akademischer und beruflicher Kompetenzen) sowie die Persönlichkeitsbildung (aufgrund der neuen, kollaborativen Formen des Arbeitens) wichtiger als bisher. Digitale Kompetenzen sind Querschnittskompetenzen: Auch Geisteswissenschaftlern sollte es ermöglicht werden, in ihrem Studium Statistikkenntnisse zu erwerben.

Der Lernort Hochschule bleibt für Studierende der Ort zur Vermittlung von Fachkulturen. Ein Lernort allein kann die Vermittlung der vielfältigen Kompetenzen aber immer weniger leisten. Um Studium und Arbeitswelt besser zu verknüpfen, sehen sich Unternehmen zunehmend als Teil der akademischen Bildung: Die Hälfte der Unternehmen sagt, dass die Bedeutung des eigenen Unternehmens als Lernort in der Arbeitswelt 4.0 deutlich zunehmen wird.

Um für die Arbeitswelt 4.0 das Studium studierenden- und arbeitsmarktorientiert weiterzuentwickeln, sollten Universitäten und Fachhochschulen vier Veränderungsdimensionen der Lehre und des Lernens in den Blick nehmen. Studiengänge sollten erstens individueller werden, indem Wahlmöglichkeiten erhöht und unterschiedliche Schwerpunktsetzungen ermöglicht werden. Der Vielfalt der Studierendenschaft sollte mit einer Vielfalt der Studienmodule begegnet werden. Zweitens sollten Hochschulen die Chancen von Kooperationen nutzen. Nicht mehr alle Inhalte müssen von der Hochschule vermittelt werden, an welcher der Studierende eingeschrieben ist. Unternehmen können hervorragende Lernorte sein, andere Hochschulen – vor Ort oder im Netz – können das eigene Repertoire sinnvoll ergänzen und erweitern. Drittens ist es notwendig, die Didaktik an Hochschulen durch digital gestütztes und forschendes Lehren und Lernen weiterzuentwickeln. Viertens veraltet akademisches Wissen immer schneller. Lebenslanges akademisches Lernen muss zukünftig durch ein deutlich größeres Angebot an berufsbegleitenden Studiengängen ermöglicht werden.

Autoren: Dr. Volker Meyer-Guckel und Dr. Mathias Winde, Stifterverband

Dr. Volker Meyer-Guckel und Dr. Mathias Winde

Dr. Volker Meyer-Guckel ist stellvertretender Generalsekretär und Mitglied der Geschäftsleitung des Stifterverbandes. Er leitet den Bereich "Programm und Förderung". Dr. Mathias Winde leitet im Stifterverband den Programmbereich "Hochschulpolitik und -organisation".