In Deutschland herrscht Rekordbeschäftigung. Gut für Arbeitnehmer, aber schlecht für Unternehmen, denen es immer mehr an Fachkräften mangelt. Wie der DIHK sogar Studienabbrecher noch zu Facharbeitern machen will, erzählt Arbeitsmarktexperte Dirk Binding im Interview.

Lieber Herr Binding, der digitale Wandel hat die deutsche Wirtschaft erfasst. Ist der Arbeitsmarkt darauf vorbereitet?

Die Digitalisierung ist schon seit langem in Gange und trotzdem oder gerade deshalb haben wir eine Rekordbeschäftigung. Die Unternehmen sind also gut aufgestellt.

In vielen Regionen und Branchen wird schon jetzt ein Fachkräftemangel beklagt. Woher sollen die Arbeitskräfte kommen, die die Digitalisierung in den Unternehmen gestalten?

Gerade im Bereich von technischen und IT-Berufen sind Fachkräfte häufig knapp. Damit die Unternehmen vor dem Hintergrund der Digitalisierung künftig ausreichend Personal finden können, müssen wir im gesamten Bildungssystem ansetzen. Das Interesse an MINT-Berufen gilt es daher zu steigern, insbesondere auch bei Mädchen. IT-Wissen sollte ebenso verstärkt in den Fokus gerückt werden wie Problemlösungs- und Kommunikationskompetenzen, die an Bedeutung gewinnen werden, während Fachwissen künftig noch schneller veraltet. Die Erwerbspotenziale von Eltern – insbesondere von Frauen sollten stärker genutzt werden. Stichwort ist hier eine bessere und flexiblere Kinderbetreuung. Zudem können Beschäftigte aus dem Ausland in den Unternehmen eine wichtige Rolle zur Fachkräftesicherung spielen. Deshalb sollten wir unsere Zuwanderungsregelungen weiterentwickeln.

Sind die Berufsbilder der Ausbildungsberufe bereits ausreichend auf die Digitalisierung eingestellt?

Wir sind mit unseren Berufen grundsätzlich gut für Ausbildung 4.0 aufgestellt und das System der Beruflichen Bildung kann flexibel auf die neuen Anforderungen von Wirtschaft 4.0 reagieren. Ausbildungsordnungen sind grundsätzlich technikoffen formuliert, so dass Anpassungen der Ausbildung, die durch die Einführung neuer Techniken entstehen, zeitnah vorgenommen werden können ohne einen neuen Ausbildungsberuf gestalten zu müssen. Eine Ausbildungsordnung sieht beispielsweise nicht vor, dass „Arbeiten mit Word 2013“ gelernt werden muss, sondern das „Erstellen von Texten“. Diese Technikoffenheit hat natürlich ihre Grenzen, wenn gänzlich neue Technologien eingeführt werden, zum Beispiel der Treibstoff „Strom“ bei Elektrofahrzeugen.

Was halten Sie von Forderungen, das Erlernen von Programmiersprachen zur Pflicht an weiterführenden Schulen und Berufsschulen zu machen?

Im Zuge der Digitalisierung der Arbeitswelt ist es nicht nur wichtig, digitale Geräte und Medien zu nutzen und anzuwenden, sondern auch die Technik dahinter zu verstehen. Insofern setzen wir uns dafür ein, dass auch das I, das für Informatik steht und das T für Technik in der MINT-Bildung in den Schulen stärker gefördert werden.

Was können Unternehmen tun, um ihre Belegschaft auf die Anforderungen der Digitalisierung vorzubereiten?

Aus unserem letzten Unternehmensbarometer wissen wir, dass 85 Prozent der Betriebe mit der zunehmenden Durchdringung durch digitale Systeme einen Qualifizierungs- und Weiterbildungsbedarf für ihre Mitarbeiter sehen. Dies gilt ohne Ausnahme über alle Branchen und Größenklassen hinweg. Sie müssen für diese Entwicklungen „fit“ gemacht werden und den Umgang, die Wartung und Anwendung der Technologien erlernen. Kleinere Unternehmen verfügen über begrenztere Ressourcen und Informationszugänge als Großbetriebe. Auch deshalb hat die IHK-Organisation insbesondere die Aus- und Weiterbildung – ganz oben auf die Liste ihrer Top-Themen gesetzt.

Inwiefern können Ihnen Kooperationen mit Start-ups aus der Digitalwirtschaft helfen?

Das Potenzial ist groß. Es gibt bereits viele Beispiele, wie die Zusammenarbeit mit Startups Innovationen in etablierten Betrieben beschleunigen. Zudem können viele Dinge, die vormals im Unternehmen erledigt wurden, mit fortschreitender Technologie in vielen Fällen effizienter von Dienstleistern erledigt werden, wie etwa elektronische Büros oder Services für Forschung und Entwicklung. Zudem können Mittelständler sich mit Startups neue Märkte erschließen und etwa ihr Sortiment via Online-Plattformen vertreiben. Und: Startups können mit ihrer oft unkonventionellen Kultur den Blickwinkel des etablierten Mittelstands erweitern – und selbst vom Know-how ihres Geschäftspartners profitieren. Die IHKs bieten vor Ort viele Foren, wo sich Startups und etablierte Unternehmen kennen lernen und Win-Win-Situationen schaffen können.

Wie wird sich der Arbeitsmarkt insgesamt durch die Digitalisierung verändern? Droht eine Polarisierung, so dass vor allem hoch qualifizierte, kreative Mitarbeiter profitieren oder hat der klassische deutsche Facharbeiter eine Zukunft?

Da der deutsche Facharbeiter mit dualer Ausbildung vielfach gut qualifiziert und kreativ ist, sehe ich da erst einmal keinen Widerspruch. Wir gehen aber davon aus, dass die Nachfrage der Betriebe nach höher qualifizierter Arbeit steigt und die nach gering qualifizierter Arbeit weiter abnimmt. Routinetätigkeiten können durch die Digitalisierung wegfallen, während an anderer Stelle neue, anspruchsvollere Tätigkeitprofile entstehen. Das ist nicht neu und gehört zum technischen Fortschritt dazu. Aber es macht es für Menschen ohne berufliche Ausbildung noch schwerer, einen Job zu finden. Deshalb ist es wichtig, noch mehr für die berufliche Ausbildung zu werben.

Welche Chancen bietet die Digitalisierung für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer?

Beschäftigte können z. B. profitieren, indem mobiles und zeitlich flexibles Arbeiten erleichtert wird – sofern es betrieblich möglich ist. Das kann einen wichtigen Beitrag zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf und damit zur Fachkräftesicherung leisten.

Was können Unternehmen tun, um die vielversprechenden digitalen Talente zu finden?

Bereits heute bieten 57 Prozent der Betriebe (IHK-Ausbildungsumfrage 2016) berufsorientierende Praktika an. Um die zukünftigen digitalen Azubis zu gewinnen, ist die Öffnung des Betriebs ein entscheidender Schritt, um Chancen und Arbeitsweisen des Betriebs kennenzulernen. Digitalisierung schafft Transparenz, mit der junge Menschen bereits aufgewachsen sind. Dieses Bedürfnis gilt es aufzugreifen.

Wie können die Industrie- und Handelskammern sie dabei unterstützen?

Die IHKs unterstützen Unternehmen durch die IHK-Lehrstellenbörse bei der Suche nach Auszubildenden. Die Anwendung gewährleistet durch die dazugehörige App eine zeitgemäße Suche nach Ausbildungsplätzen und Dualen Studienplätzen - häufig auch im IT-Bereich. Außerdem bieten einige IHKs spezielle Programme für Studienabbrecher aus IT-Studiengängen: Wer bereits einige Semester studiert hat und dabei Leistungen vorweisen kann, der kann durch diese Programme in deutlich verkürzter Zeit einen qualifizierten Berufsabschluss im IT-Bereich erlangen.

Was sollte die Politik tun, um für einen ausreichenden Nachschub digitaler Talente in Deutschland zu sorgen?

Um die jungen Menschen auf Arbeit 4.0 vorzubereiten, müssen in der allgemeinbildenden Schule bereits die Weichen gestellt werden. Dafür brauchen wir fitte Lehrer, die durch die passende Aus- und Weiterbildung digitale Kompetenzen vermitteln können.

Das Interview führte Dirk Heilmann.

Dirk Binding

Bereichsleiter Dienstleistungen, Infrastruktur, Regionalpolitik beim DIHK
Dirk Binding studierte Volkswirtschaftslehre, Betriebswirtschaftslehre und absolvierte ein praxisorientiertes Zusatzstudium der Werbung. Erste Erfahrungen in der unternehmerischen Interessenvertretung sammelte er als Referatsleiter bei der Industrie- und Handelskammer zu Köln und in seinem ehrenamtlichen Engagement als Mandatsträger in kommunalpolitischen Parlamenten. Bevor er zum Deutschen Industrie- und Handelskammertag e.V. kam, war er Bundesgeschäftsführer der Wirtschaftsjunioren Deutschland e.V. Beim DIHK in Berlin leitet er nun den Bereich Dienstleistungen, Infrastruktur und Regionalpolitik.