Viele hochqualifizierte Arbeitskräfte sind nicht auf Jobsuche, aber durchaus bereit den Arbeitgeber zu wechseln, wenn der Traumjob um die Ecke kommt. Wie Unternehmen diese erreichen und sich dabei von ihrer besten Seite zeigen, erzählt Nora Wohlert, Gründerin von EDITION F, im Interview. Auf ihrem Portal vereint sie ein Online-Magazin mit einer Female-Recruiting-Plattform.

Wie sieht die Bewerbung der Zukunft aus in Anbetracht einer immer digitaler werdenden Personalführung?

Die aktuelle Bewerbung ist auf jeden Fall digital. In den zwei Jahren, in denen wir nun EDITION F machen, habe ich noch nie eine postalische Bewerbung bekommen. Das wird sich in allen Branchen so entwickeln. In Zukunft werden Videos im Bewerbungsprozess immer wichtiger, so haben Arbeitgeber die Chance, sich schon vor dem persönlichen Gespräch einen echten Eindruck zu machen. Außerdem spielen soziale Netzwerke eine immer größere Rolle. Zum digitalaffinen Bewerber gehört auch, dass sich dieser digital bewegt.

Können Unternehmen Ihrer Meinung nach künftig komplett auf offline-Stellenanzeigen verzichten?

Ganz klar: ja. Die klassische Stellenanzeige im Print wird immer weniger relevant. Für Unternehmen spielt digitales Employer Branding eine immer größere Rolle, denn Talente wollen gern verstehen, wo sie sich eigentlich da bewerben, mit wem sie zusammenarbeiten werden, wie das Unternehmen tickt. Da müssen Unternehmen mitdenken. Persönlich bin ich davon überzeugt, dass Unternehmen ihre Arbeitgebermarke online stark ausbauen sollten, und zwar dort, wo sich potenzielle Bewerber ohnehin aufhalten. In sozialen Netzwerken, auf zielgruppenspezifischen Plattformen, und weniger bei großen Jobbörsen. In der Jobbörse von EDITION F setzen wir sehr stark auf das Thema Female Recruiting, Employer Branding und Social Media. Unternehmen finden die Talente von morgen vor allem, wenn sie spannende Inhalte haben und greifbar werden. Das können sie bei uns, weil Bewerberinnen und Bewerber einen Blick hinter die Kulissen bekommen, mit Videos, Social.Media-Posts und Fotos aus den Unternehmen.

Was ist Ihrer Erfahrung nach der wichtigste vernachlässigte Faktor, wenn es um die Veränderung von Arbeitsplätzen im digitalen Wandel geht?

Jeder im Team muss spüren, dass das Thema Digitalisierung ganz oben auf der Agenda steht. Was Unternehmen aber nicht vergessen sollten, ist, dass persönliche Kommunikation nicht durch digitale Kommunikation ersetzt werden kann.

Welche Bedeutung haben die sozialen Medien die BewerberInnen von morgen?

Viele Talente sind nicht aktiv auf der Suche nach einem neuen Job, aber absolut bereit den Job zu wechseln, wenn der Traumjob um die Ecke kommt. Deshalb ist es für Unternehmen sehr relevant, sich online dort zu bewegen, wo Bewerberinnen und Bewerber sich ohnehin aufhalten. Das sind meist eher selten die klassischen Jobbörsen, sondern vielmehr Soziale Netzwerke wie Facebook, Xing oder EDITION F. Als Unternehmen würde ich mir zusätzlich immer die Frage stellen: Für welche Inhalte stehen wir? Und Mitarbeiter als Botschafter einzusetzen ist extrem relevant. Wenn ich die Chance habe, ein Video von meiner künftigen Chefin zu sehen, schaue ich mir das viel lieber an als die klassische Stellenanzeige.

Was ist der häufigste Fehler, den Unternehmen beim Werben um digitale Talente begehen?

Die Chancen, die Online-Stellenanzeigen bieten, nicht wahrzunehmen, ist der größte Fehler von Unternehmen. Online kann viel mehr transportiert werden als nur der Text der Stellenanzeige. Fotos aus dem Unternehmen, Videos und Texte helfen Talenten, sich ein richtiges Bild vom Unternehmen zu machen. Was aber nicht funktioniert: PR-Sprache, perfekte Bilder und Image-Videos aus dem Unternehmen. Bewerberinnen und Bewerber wollen vielmehr echte Einblicke in das Unternehmen haben. Vor allem Frauen ist es unserer Erfahrung nach extrem wichtig, vor der Bewerbung ein Gefühl für das Unternehmen zu bekommen.

Und was ist der häufigste Fehler, den BewerberInnen bei Bewerbungen auf spannende Jobs im Digitalen begehen?

Wenn man sich auf einen Job in einem digitalen Unternehmen oder mit Digital-Knowhow bewirbt, sollte man auch zeigen, dass man digital tickt. Am besten dreht man zu seinen klassischen Bewerbungsmaterialien ein gutes Video dazu.

Welchen Einfluss haben soziale Medien auf das Image eines Unternehmens, wenn es um die Rekrutierung neuer Talente geht?

Soziale Medien sind sehr relevant für das Recruiting. Nicht nur, weil sich digitale Talente ohnehin online aufhalten, sondern auch, weil digital denkende Menschen einander Jobs weiterempfehlen, und zwar in sozialen Medien. Ich sehe einen passenden Job für eine Freundin, dann sende ich den vielleicht bei Facebook. Hat das Unternehmen dann nur eine Printanzeige, wird das schwer. Außerdem läuft die Recherche zum Unternehmen komplett online, deshalb erhöht sich die Quote an relevanten Bewerbungen auf jeden Fall, wenn Unternehmen online spannende Inhalte bereitstellen und sich eine Präsenz da aufbauen, wo sich Talente bewegen.

Das Interview führte Yasmina Banaszczuk.
© Jennifer Fey Photography

Nora Wohlert

Gründerin EDITION F
Nora-Vanessa Wohlert gründete 2014 gemeinsam mit Susann Hoffmann EDITION F, eine Plattform für starke Frauen. EDITION F bietet ein Online-Magazin, eine Jobbörse mit dem Fokus Female Recruiting und Employer Branding, Webinare und Vernetzungsmöglichkeiten. Die Plattform erreicht monatlich über 500.000 Nutzer. Bevor Nora Wohlert EDITION F gründete, arbeite sie unter anderem für fischerAppelt sowie Roland Berger.