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Morning Briefing Monitor

Europäische Wirtschaft im Blindflug

Dass die Brexit-Verhandlungen auch im besten Fall extrem schwierig werden, war von Anfang an klar. Jetzt verliert die britische Regierung selbst im eigenen Land den Rückhalt. Theresa May führt das Land mit einer Minderheitsregierung in die Austrittsverhandlungen.

Für die Teilnehmer des aktuellen Morning Briefing Monitors regiert vor allem die Ungewissheit. Klar ist für sie nur: Der Brexit bringt drastische Veränderungen mit sich – zuweilen auch bei ihrem eigenen Arbeitgeber. Doch wer bei den Verhandlungen nun in der stärkeren Position ist und wie schmerzhaft der Austrittsprozess für beide Seiten wird, dazu sind die Einschätzungen auffällig heterogen.

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Jedes fünfte Unternehmen wird jedoch schon jetzt aktiv, um sich auf mögliche Konsequenzen des Brexit vorzubereiten.

Unter den gut 9000 Teilnehmern der Umfrage sind Optimisten wie Pessimisten – die Erwartungen an die Verhandlungen, die im März 2019 abgeschlossen sein sollen, sind grundverschieden. 56 Prozent der Umfrageteilnehmer glauben, dass die schwache Stellung der Konservativen im britischen Parlament die Verhandlungsposition der EU stärkt – nur knapp mehr als die Hälfte. Der Rest fürchtet eher, dass schwache Verhandlungspartner für beide Seiten schlecht sind. Denn am Ende geht es für die EU nicht nur darum, ihren Willen durchzusetzen, sondern auch darum, der europäischen Wirtschaft wieder Planungssicherheit zu geben und Hürden für den Handel zu verhindern.

„Ich befürchte, dass sich die Verhandlungen sehr lange hinziehen werden. Das bedeutet Planungsunsicherheit für alle. Und das ist immer schlecht“, schreibt ein Umfrageteilnehmer. Diese Unsicherheit geht für so manches Unternehmen mit einem großen Mehraufwand einher: „Wir müssen in Bezug auf England eine Doppelstrategie fahren. Die Risiken sind schwer einschätzbar“, schreibt ein anderer Teilnehmer.

Zwei von drei Teilnehmern glauben zwar, dass ein harter Brexit ohne Handels- und Kooperationsabkommen mit der EU unwahrscheinlich ist. Gut die Hälfte fürchtet jedoch auch, dass die EU es schmerzhaft zu spüren bekommt, wenn mit Großbritannien ein wichtiger Handelspartner für viele europäische Staaten aus dem Binnenmarkt verschwände.

Nicht jedes Unternehmen ist vom Brexit gleich stark betroffen. Doch die komplexen Lieferketten, der rege internationale Handel, der grenzüberschreitende Austausch von Talenten und Fachkräften und viele andere Faktoren sorgen dafür, dass die offenen Grenzen innerhalb der EU allen Branchen zu einem gewissen Grad nutzen. Knapp die Hälfte der Umfrageteilnehmer sagt, dass die Freizügigkeit von Personen, Waren und Dienstleistungen für ihren Arbeitgeber oder ihr Unternehmen sehr wichtig sei.

Doch gerade dieser ist ein großer Streitpunkt bei den Brexit-Verhandlungen. Brexit-Hardliner wollen die Zuwanderung aus der EU stark einschränken. Und da die Europäische Union ein neues Handelsabkommen erst besprechen will, wenn die Bedingungen des Austritts feststehen, besteht auch die Gefahr, dass die Bewegung von Waren und Dienstleistungen zumindest zeitweise erschwert wird.

Manche Unternehmen können entspannt das Brexit-Experiment beobachten, da sie mit dem britischen Markt wenig zu tun haben. Andere wünschen sich Entscheidungen, die ihnen endlich wieder Planungssicherheit geben. Egal aus welchem Grund, 51 Prozent der Teilnehmer sagen, dass sich bei ihrem Unternehmen oder Arbeitgeber nichts verändert, solange die Verhandlungen nicht weiter vorangeschritten sind.

Jedes fünfte Unternehmen wird jedoch schon jetzt aktiv, um sich auf mögliche Konsequenzen des Brexit vorzubereiten. Ein Viertel der Teilnehmer rechnet damit, dass an ihrem Arbeitsplatz früher oder später sehr große oder zumindest spürbare Veränderungen stattfinden werden. Aktuell bewegt sich die europäische Wirtschaft was Großbritannien angeht offenbar im Blindflug voran.

Die Umfrage unter 9.161 Teilnehmern fand vom 23. bis 26. Juni 2017 statt.