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Morning Briefing Monitor

Gespenstische Ruhe an den Märkten

Zehn Jahre nach Ausbruch der letzten Finanzkrise herrscht Ruhe an den Märkten. Eine gespenstische Ruhe, wie viele Teilnehmer des aktuellen Morning Briefing Monitors glauben: 56 Prozent halten es für wahrscheinlich, dass in den nächsten drei Jahren eine neue Finanzkrise ausbricht, weitere 18 Prozent sogar für sehr wahrscheinlich.

Morning Briefing Monitor
Fast drei Viertel der Umfrageteilnehmer hält eine neue Krise in den nächsten drei Jahren für wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich.

Kurioserweise fühlen sich Anleger an den Aktienmärkten gerade so sicher wie schon lange nicht mehr. Der amerikanische Volatilitätsindex VIX ist gerade auf das niedrigste Niveau seit einem Vierteljahrhundert gefallen, und auch das deutsche Angstbarometer, der VDAX-New, zeigt mit 12,9 Punkten (Stand 9. Mai) eine besonders niedrige Volatilität an. Im März war er auf das niedrigste Niveau seit 21 Jahren gefallen. Zum Vergleich: Am Höhepunkt der Finanzkrise im Oktober 2008 lag die Volatilität am deutschen Markt bei 64,46 Punkten.

Der VDAX-New misst, wie große Schwankungen Anleger in den kommenden 30 Tagen erwarten. Aktuell erwarten sie offenbar eine ruhige See. Doch einige Experten halten diese Sorglosigkeit der Aktionäre für bedenklich.

So auch die Teilnehmer des Morning Briefing Monitors. Vier von zehn Teilnehmern halten Schuldenkrisen für das größte Risiko. Etwa genauso viele rechnen eher damit, dass Preisblasen an den Aktien-, Immobilien- und Rohstoffmärkten zum Krisenauslöser werden.

Vielmehr als Hacker oder protektionistische Politiker gilt also auch heute noch die Dynamik an den Märkten als größte Gefahr für die Volkswirtschaften. Dabei hat sich die Finanz- und Bankenlandschaft seit der letzten Krise drastisch verändert, was die meisten Umfrageteilnehmer für eine positive Entwicklung halten. 70 Prozent haben heute aufgrund der höheren regulatorischen Anforderungen an Banken mehr Vertrauen in die Stabilität der Finanzmärkte, gut 60 Prozent durch die Trennung von Investment- und Geschäftsbanken.

Auffällig ist, dass Umfrageteilnehmer, die selbst in der Bankenbranche arbeiten, eine ganz andere Sicht auf die Dinge haben. Von ihnen glaubt ein geringerer Anteil, dass eine erneute Krise in den nächsten drei Jahren wahrscheinlich ist. Nur 49 Prozent von ihnen sehen die Stabilität durch die strengere Bankenregulierung gestärkt, 43 Prozent durch die Trennung von Investment- und Geschäftsbanken.

Die getroffenen Maßnahmen, um das Finanzsystem krisenresistenter zu machen, reichen den meisten Umfrageteilnehmern noch lange nicht aus. 44 Prozent finden, dass die Regulierung immer noch viel zu lasch sei, Staaten und Banken hätten ihre Lektion aus der letzten Krise nicht gelernt. (Nur knapp 16 Prozent der Teilnehmer aus der Bankenbranche teilt diese Meinung.)

Wohl auch deshalb finden viele Umfrageteilnehmer, dass Banken mit ihren Problemen möglichst alleine fertig werden sollten, wenn sie trotz inzwischen strengerer Regulierung in Schwierigkeiten geraten. Nur 13 Prozent finden, dass Banken im Notfall mit Steuergeldern gerettet werden sollten.

Beobachter der Märkte wie die Teilnehmer des Morning Briefing Monitors fürchten offensichtlich, dass die nun schon viele Jahre andauernde Rally bald zu Ende sein könnte. Dass die Märkte trotzdem von Rekord zu Rekord jagen und keine Furcht kennen, kann zweierlei bedeuten: Entweder sind die Märkte und Volkswirtschaften heute stabiler, als viele zu hoffen wagen. Oder der nächste Crash wird – trotz der Lektionen aus der letzten Finanzkrise – wieder viele kalt erwischen.

Die Umfrage unter 4.436 Teilnehmern fand vom 5. bis 8. Mai 2017 statt.