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Morning Briefing Monitor

Keine Lust auf „Experiment Europa“

Die Eurozone hat gerade eine einmalige Chance: Verschiedenste Krisenherde, die der Gemeinschaft nach der Finanzkrise Probleme machten, sind unter Kontrolle. Die Konjunktur brummt wieder, und bei einer Reihe richtungsweisender Wahlen blieben Erfolge für eurokritische Parteien aus. Diesen Zeitpunkt hat EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker gewählt, um das Projekt Europa entschieden voranzutreiben: Er fordert Offenheit, den Euro als Einheitswährung für alle EU-Mitglieder und mehr Harmonisierung. Doch wie viel Rückhalt hat er in der Bevölkerung dafür?

Deutschland steht zu Europa, aber ein „Experiment Europa“ lehnen viele auch in Zeiten politischer und wirtschaftlicher Stabilität ab, wie der aktuelle Handelsblatt Monitor zeigt. In der Frage, wie sich die Europäische Union und die Eurozone weiterentwickeln sollten, will die Mehrheit der Umfrageteilnehmer vor allem böse Überraschungen vermeiden.

Drei Viertel würden die Währungsunion aktuell nicht erweitern oder wollen zumindest sicherstellen, dass die Gemeinschaftswährung nicht durch schwache Mitglieder gefährdet wird. Nur knapp sieben Prozent schließen sich Juncker an und sagen, dass die Gemeinschaft für eine Erweiterung der Eurozone auch vorübergehende Belastungen in Kauf nehmen sollte.

Eine Verallgemeinerung nationaler Risiken durch Eurobonds lehnen die Umfrageteilnehmer entschieden ab: Drei Viertel glauben, dass solche Anleihen Staaten zu einer verantwortungslosen Kreditaufnahme verleiten und neue Risiken schaffen würden.

Ein „Europa der zwei Geschwindigkeiten“ erscheint einem Großteil der Umfrageteilnehmer als beste Strategie, um auch im politischen Harmonisierungsprozess böse Überraschungen zu vermeiden. Nur wer Leistung bringt und klar zu Europa steht, sollte zügig enger zusammenrücken. 57 Prozent finden, dass die Integration innerhalb der EU in großen und leistungsstarken Staaten intensiver betrieben werden sollte; andere Staaten sollten eine reduzierte Anbindung genießen.

In vier Kernbereichen halten die Umfrageteilnehmer eine Harmonisierung für besonders wichtig: In Wirtschaft, Außenpolitik und Verteidigung, Zuwanderung sowie Umwelt kann die EU ihrer Ansicht nach eine wertvolle Rolle spielen. Dafür halten sie Arbeits- und Gesundheitspolitik für Bereiche, die bei den Nationalregierungen besser aufgehoben sind.

An den verbleibenden Quellen der Instabilität scheiden sich die Gemüter. 41 Prozent der Teilnehmer glauben, dass nach Großbritannien noch ein anderes Land versuchen wird, die EU wieder zu verlassen, 45 Prozent glauben das nicht.

Ähnlich geteilt ist die Meinung zu euroskeptischen Parteien wie dem Front National oder der Alternative für Deutschland. Ein Drittel der Befragten hält sie für eine echte Gefahr für die EU, während knapp die Hälfte diese Parteien eher als demokratisches Kontrollorgan sieht, das die EU auf Dauer womöglich sogar stärkt.

Ein einst umstrittenes Thema haben die Teilnehmer des Handelsblatt Monitor nun jedoch klar entschieden: 96 Prozent sagen, dass die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei vorerst nicht mehr aufgenommen werden sollten. Das Land hat in den vergangenen Monaten gezeigt, dass es die europäischen Kernwerte nicht teilt.

Nach Euro- und Staatsschuldenkrise, Brexit-Referendum und der wiederholten Androhung populistischer Parteien, die Mitgliedschaft in Eurozone und EU zu kündigen, scheint es jetzt ein Bedürfnis zu geben, nicht gleich ins nächste europäische Abenteuer zu hecheln. Die Teilnehmer des neuen Handelsblatt Monitor wünschen sich für Europa vor allem eins: eine Verschnaufpause.

Die Umfrage unter 5.348 Teilnehmern fand zwischen dem 20. und 23. Oktober 2017 statt.